vonWELT ist das Kreativ-Team mit Albert vW. und seinem kongenialen Ghostwriter, ohne dessen Inspiration diese Musik niemals möglich wäre.
weltPERLEN ist die Live-und StudioBand. Sie besteht aus immer wieder neuen Band-Mitgliedern.
Das SWAP 09 ist der Grund warum diese Musik, die hier vorgestellt wird, überhaupt existiert.
Das SWAP 09 war eine Bar bzw. ein Rock-Club bzw. ein Kellerlokal oder wie
immer wir diesen Ort als Quelle aller Inspiration nennen wollen.
Leider existiert dieser Ort nicht mehr, weil er den Immobilienhaien und dem Kapital zum Opfer gefallen ist.
Einige unter uns können sich noch mit Wehmut an das SWAP und die Zeit im SWAP erinnern. Aber die Erinnerung verblasst immer mehr.
Das Schlimmste daran ist, dass wir fast keine Aufzeichnungen und Dokumente über das SWAP und sein Leben haben.
Leider schloss das Lokal kurz vor der Zeit der Smartphones, mit denen wir heute jeden Fliegenschiss fotografisch
dokumentieren und in die Welt hinausposaunen. Und in der Zeit vor den alles dokumentierenden Mobiltelefonen
haben wir leider selten daran gedacht, unser Leben sowohl bildlich wie auch akustisch fest zu halten.
Im SWAP 09 wurde fast jeden Abend Live-Musik gespielt. In erster Linie Rock, aber auch Pop. Jazz hatte es relativ schwer.
Dafür gab es andere Clubs. Es trafen sich aber trotzdem Musiker aller "Couleur" auf ein oder zu viele Getränke.
Das Besondere am SWAP war, dass es im Lokal die meiste Zeit einigermaßen friedlich zu ging und sich Rockerinnen mit Studentinnen,
aber genauso nachtstreunende Opernbesucher mit Handwerkern und Angestellten unterhalten konnten. Das hieß aber nicht,
dass nicht hin und wieder eine kleine Schlägerei auf der Tagesordnung stand oder ein Sessel durch die Luft flog und sich auf dem
Hinterkopf eines Besuchers wieder fand. Solche Unarten wurden immer ziemlich
schnell vom Lokalpersonal aus der Welt geschafft. Selten kam es vor, dass eine Polizeieinheit eingreifen musste,
aber es passierte hin und wieder. So erzählen es Zeitzeugen zumindest, wenn man ihnen Glauben schenken darf.
Das SWAP 09 befand sich in einem Keller und war nur durch eine enge Treppe zu erreichen.
Heutzutage würde man damit sicher zig Vorschriften widersprechen. Der Klub bestand aus zwei Räumen -
einem l-förmigen Raum mit zwei langen Theken in der Mitte, an denen sich diejenigen, die noch nicht schlafen gehen wollten oder konnten,
die Nacht überbrückten - und einem Raum, der für Konzerte bestimmt war. Die Wände waren mit Postern der Bands,
die im SWAP spielten bedeckt, und das Ambiente war genau das, was man von einem klassischen Rockklub erwarten würde.
...
Wie es zum Namen für das SWAP 09 kam, ist einfach und schnell erklärt ...
In den Kellergewölben des „Swap“ hat sich in den 70er Jahren eine Tanzbar – eine Diskothek befunden.
Diese war in ihren besten Zeiten ein beliebter Treffpunkt für bewegungshungrige Nachtschwärmer und Tänzer.
Der Name war selbsterklärend: Die Bar hieß „Dance 45“. Die Verbindung des Wortes Dance mit der Zahl 45 war naheliegend,
da die große Diskothek-Schwester und vielleicht der berühmteste Tanztempel der 70er dieselben Ziffern,
nur in umgekehrter Reihenfolge verwendete. Das Dance 45 wollte ein Gegenpol dazu sein. Während sich im großen Tanztempel
alle Berühmtheiten und Promis jener Zeit die Klinke in die Hand drückten, trafen sich im Dance 45 „normale“
Menschen oder zumindest Prominente, die es satt waren, herum zu promenieren.
Der damaligen Zeit entsprechend
war das ganze Lokal mit Glitzer und buntesten Farben ausgestattet. Die wunderbaren Ziegelwände und -gewölbe
der Räumlichkeiten waren mit Spiegeln ausgekleidet, und man konnte die großartige Architektur der Räume
überhaupt nicht erkennen. Dass Dance 45 war als Lokal sehr lange Zeit sehr erfolgreich und gut besucht.
Und der Erfolg hielt bis in die 80er Jahre an. Irgendwann zwischen Anfang und Mitte der 80er Jahre war es
aber mit dem Discoboom vorbei und die Besucher bleiben aus, bis sich die Besitzer entschlossen, die Tanzbar
zu schließen und sich zu verändern.
Ein glücklicher Zufall machte ihnen die Veränderung leicht. Über dem Dance 45, im Erdgeschoß des Hauses,
befand sich ein Restaurant, das auch mehr oder weniger erfolglos war. Die Besitzer waren
es schon leid, immer wieder nur knapp über die Runden zu kommen und hätten ihr Lokal schon lange geschlossen,
wenn ihnen eine Alternative geboten worden wäre. Und diese ergab sich nun. Die Crews der beiden Locations kannten
sich natürlich schon lange, und man jammerte sich in den letzten Jahren immer wieder sein Schicksal vor, bis
jemand auf die Idee kam, die Lokale zu tauschen – also zu „swappen“. Wer das genau war, kann nicht mehr eruiert werden.
Aber egal! Die alte Restaurant Crew war Rockmusik-affin, wollte nicht mehr kochen, sondern ein Musiklokal eröffnen,
die alte Dance 45 Crew wollte sich verändern und nicht mehr tanzen.
So entstand die Idee, dass die Restaurantbelegschaft
in den Keller ziehen sollte, um einen Rockclub zu eröffnen und die Disco-Mannschaft wollte ins Erdgeschoß, um ein neues
Restaurant zu eröffnen. Pizzerias waren zu jener Zeit ungemein gefragt. Wenn man es nur einigermaßen schaffte,
eine Pizza möglichst essbar auf einen Teller zu bekommen, konnte man nichts falsch machen. Die krönende Idee war
überhaupt, dass das neue Kellerlokal sich essenstechnisch an die neue Pizzeria im Erdgeschoß anschließen konnte.
Warum sollte man nicht eine Pizza aus dem Erdgeschoß bestellen und im Keller essen. Eine richtige Win-Win Situation
würde man heute sagen. Dieses Konzept scheint aus heutiger Sicht nicht besonders innovativ zu sein. Für die damalige
Zeit war es aber fast bahnbrechend, dass sich zwei „konkurrierende Dienstleister“ gegenseitig unterstützten.
Es entstand nun im Keller ein Rockclub, der sich den Namen „SWAP 09“ gab und im Erdgeschoß eine Pizzeria mit dem Namen „Upstairs“.
Der Name SWAP ist klarerweise aus dem Tausch der Lokale abgeleitet, und die Ziffer 9 ist natürlich die Quersumme von 45 bzw. 54.
So wollte man an das frühere Etablissement erinnern. Die Bezeichnung „Upstairs“ hat ganz eindeutig für die alten Mitarbeiter des
Dance 45 eine Bedeutung, denn sie zogen bildhaft über die Treppen nach oben. Spätere Besucher des Upstairs waren immer wieder über
den Namen verwirrt und suchten das Lokal manchmal in den oberen Stockwerken des Hauses. Eine Namensänderung wegen dieser Verwirrtheit
kam aber nie in Frage. Das war einfach ein Teil der Geschichte, den nicht jeder verstehen musste.
Die Musik war das Wichtigste im SWAP, egal ob live, von LP, CD oder der „Musikkassette“.
Wenn man die Treppe in den schwach beleuchteten Keller hinabstieg und der Klang von Gitarren und Schlagzeug
mit jedem Schritt lauter und intensiver wurde und man den Bass gar nicht hören musste,
weil man ihn tief in seiner Brust spürte, dann wusste man sofort, was los war. In dieser Atmosphäre,
in der neben der Musik kein Platz für zusätzliche akustische Kommunikation geben war,
verständigten sich die Menschen nur mehr mit Handzeichen und Gesten, um Getränke zu bestellen
und Freunde zu grüßen. Viele Gäste haben neben viel Geld sicher auch eine große Menge an Gehörvermögen im SWAP 09
zurückgelassen, was die Frage aufwirft, ob sich dies für ihr späteres Leben eher als Vorteil, denn als Nachteil erwiesen hat?!?!
Konzerte waren aber nicht immer so höllisch laut. Da das SWAP 09 für fast alles offen war, reichte eine
akustische Gitarre und ein Mikrophon genauso für fantastisch Darbietungen aus. Es kam nur darauf an, wie authentisch die Musik
der KünstlerInnen das Publikum erreichte. Das Publikum wurde mit der Zeit immer kritischer, aber auch aufgeschlossener,
vor allem jungen Leuten gegenüber. Es lernte mit der Zeit Schein von Inhalt zu unterscheiden. Nicht die Virtuosität und
Exaktheit der Darbietungen waren entscheidend, um anzukommen, sondern die richtige Verschmelzung von Musik, Text und Performance.
Es gab keine Musik ohne Text und keinen Text ohne Musik und keinen Text ohne Inhalt. Beide waren Eins. Und dazu die individuelle Darbietung auf PerformerInnen
auf der Bühne. Diese konnte ruhig schüchtern und zurückhaltend sein, solange sie die ZuhörerInnen erreichte.
Gerade zur Anfangszeit des SWAP 09, Anfang der 80er Jahre, wurde eine der wichtigste LP, die diesem Konzept entspricht, veröffentlicht.
Es war „Nebraska“ von Bruce Springsteen. Man kann zu diesem Album stehen wie man will. Man kann es abgöttisch lieben, komplett verdammen,
oder es ist einem komplett egal. Aber es zeigt mit jedem Ton, der diese LP verlässt auf, was Rockmusik bedeutet, von was sie handelt und
wie sie gemacht wird. Nicht die allerletzte Perfektion, die 100ste eingespielte Variante, das 200ste Tack, der 50. Layer, der für alle
Abhörgeräte optimiert und zugeschnittene Mix machen es aus, sondern die Authentizität. Der Versuch während der Zeit im Studio immer
perfektere Recordings zu machen, scheiterte bei dieser LP, weil damit die Gebrechlichkeit und Unvollkommenheit des Songs immer mehr verloren ging.
Rocksongs erzählen vom Leben. Und das ist eben nie perfekt. So ließ man nicht ganz ausgebügelte Stellen in den Aufnahmen einfach bestehen,
um damit das zu transportieren, was die musikalischen Geschichten erzählten. Und all dies traf auch auf die Performances im SWAP 09 zu.
Bei den Liveacts kam dies noch viel mehr zum Tragen. Live performen lebt eben von der unmittelbaren Action. Und diese kann ruhig Fehler haben,
sie soll es auch. Nur: Fehler machen sollte nicht mit fehlerhafter Beherrschung der Musikinstrumente verwechselt wird. Der Künstler sollte schon wissen,
was er tut. Aber es muss nicht aalglatt perfekt sein, weder bei der Live-Performance, noch im Studio.
Trotz alledem, bedurfte es viel Mut, sich auf die Bühne des SWAP zu stellen. Man wusste, das Publikum kannte sich aus und war kritisch,
und man konnte schnell durchfallen. Das dies eher die Ausnahme war, dafür sorgte der zuständige Auftritts-Manager. Dieser kannte die Bands,
die auftraten, schon vorher. Und wenn nicht, versuchte er die Bands immer vor ihrem Auftritt im SWAP woanders anzuhören. Der bekannteste
unter ihnen war William Jenkins oder kurz Will, wie er von allen genannt wurde. Er kam als Manager erst später ins SWAP 09, kannte aber
das Lokal schon lange vorher. Will war selber Musiker und trat auch im SWAP. Er spielte mit seiner Kollegin Katherine Shaw entweder im Duo
oder auch in voller Bandbesetzung. Wenn diese beiden auf der Bühne standen, platzte das SWAP aus seinen Nähten, weil …
...
sie eine besondere (musikalische) Symbiose bildeten. Sie verstanden sich auf eine einzigartige Weise,
wenn sie musizierten. Sie mussten sich auf der Bühne nicht sehen, um zu wissen, was die/der andere
gerade vor hatte zu spielen. Und wenn sie sich anblickten, genügte ein kleines Zucken einer ihrer
Gesichtsmuskeln, um die Botschaft zu transportieren. Diese Symbiose machte es den
anderen Bandmitgliedern relativ einfach in die Musik einzutauchen, wenn sie sich einlassen wollten
oder konnten. Musiker machen es normalerweise ihren Bandkolleginnen nicht immer
leicht, vor allem wenn das eigene Ego überhand nimmt oder der aktuelle Therapeut keine
Kompromisse zulässt.
Kate spielte Gitarre, Will saß meistens am Klavier und spielte dazu Keyboard. Beide sangen
abwechselnd, aber meistens zusammen. Dieser gemeinsame Gesang war es, der den Nerv des
Publikums traf und natürlich die eigenen Songs. Die beiden begannen mit Auftritten
bekannter Coverversions, schwenkten aber sehr schnell auf eigene Kompositionen über. Kates und
Wills erster Song war „Zwischenräume“ („Between The Lines“).
Das fahle Tageslicht, verdient seinen Namen nicht
Beschließt nach ein paar Stunden sich wieder hinzuknien
…
Es war ein ungeschriebenes Gesetz im SWAP, dass Coverbands nicht sonderlich erwünscht waren,
außer sie hatten etwas wirklich Außergewöhnliches zu bieten. Für Kate und Will war es nur
eine erste Einstiegshilfe, denn schon bald hatte das Nachspielen von Altbekanntem den Schleier der
Musik-Prostitution über sie geworfen, und Coverversions zu spielen, nur aus dem Grund um dem
Publikum zu gefallen, hatten sie nicht nötig. Das hätte auch gar nicht funktioniert. Das SWAP-
Publikum wollte keine Konserven hören, diese dröhnten sowieso an den Abenden ohne Live-Musik
aus den Boxen.
Kates und Wills Glück und spätere Unglück war es, dass sie neben ihrer gemeinsamen Musik auch
zusammenarbeiteten und gemeinsam ihrem Hauptberuf nachgingen. Sie waren nicht nur in der
Musik ein geniales Paar, sondern auch im Beruf. Sie ergänzten sich in der Art, wie sie an ihre Arbeit
heran gingen und konnten so Probleme lösen, wie kaum ein anderes Team. Es ging sehr lange gut.
Aber später kam es wohl so, wie es kommen musste.
Diese Geschichte füllt ein eigenes Buch, und sie wird zu einer anderen Zeit an dieser Stelle erzählt.
Das SWAP 09 wird eine zentrale Rolle spielen, und die Geschichte wird, wie sie begonnen hat, auch
wieder im SWAP enden.
Die Songs, die Kate und Will geschrieben haben, haben weder den Weg in ein Studio, noch auf
eine LP oder CD geschafft. Leider! vonWELT versucht aus Fragmenten, alten Aufzeichnungen
und alten Aufnahmen (soweit es überhaupt welche gibt), soviel es geht zu rekonstruieren und zu
veröffentlichen. Der Masterplan ist es, zumindest ein Album, das den Arbeitstitel „Sicht
vonWELT“ trägt, aufzunehmen und die vergessenen Werke der Welt da draußen zugänglich zu
machen.
Obwohl der Weg dorthin noch sehr weit ist, ist vonWELT voller Zuversicht!
Erros
Erros war eine sehr umgängliche Person, aber manchmal auch etwas undurchsichtig. Anfangs zog es ihn fast
jeden Abend ins Lokal, und er wurde zu einem der Stammgäste. So kam er mit der Zeit mit allen ins Gespräch, mit den Mitarbeitern,
wie auch mit den Musikerninnen. Auf diese redete er immer wieder ein, bis eine Band ihn einmal auf seinem Saxophon
mitspielen ließ. Ab diesem Zeitpunkt war das „musikalische“ Eis gebrochen. Er war zwar nicht der größte
Saxophonist aller Zeiten, konnte aber ohne Probleme in jedes Stück einsteigen und darüber improvisieren.
Dazu hatte er eine tolle Bühnenpräsenz, und er konnte so richtig die Sau rauslassen. Es war für das Publikum
einfach eine unglaubliche Unterhaltung, wenn er über die Bühne fegte. Dass sich dabei hin und wieder ein paar
falsche Töne zu den Harmonien gesellten, störte niemanden bzw. fiel das nur den richtigen Musikern auf, und
die meisten von ihnen akzeptierten das. Das gehört einfach zum Live-Flair.
… (wird fortgesetzt)
Das Personal im SWAP, das ja schon lange zusammenarbeitete, war über die Jahre zu einer eingeschworenen Gemeinschaft geworden.
Nicht jeder verstand sich mit jedem (was schon aufgrund der Lautstärke im Lokal schwierig war), aber jeder ließ die Eine oder den Anderen sein,
wie sie oder er eben war. Man wusste um die Bedeutung des „Großen Ganzen“, nämlich ein Lokal am Laufen zu halten, in dem jedermann willkommen war,
sich wohl fühlte und guter, qualitätsvoller Musik lauschen konnte.
Ben
Die zentrale Figur in solch einem Lokal ist natürlich der Barkeeper. Im SWAP hatte Ben diese wichtige Funktion inne.
Ben redetet nicht viel, aber wenn er etwas sagte, hatte es Gewicht. Auf sein Wort war Verlass. Nur wenige kannten Ben genauer,
er legte auch hier nicht viel Wert darauf mit persönlichen Anekdoten zu glänzen. Daher wusste auch kaum jemand über seine von
Schwierigkeiten durchsetzte Vergangenheit Bescheid: Ben war als Kind von Pflegeeltern zu Pflegeeltern gereicht worden und hatte
wohl nicht viel Gelegenheit gehabt, Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen.
Die Einzigen, die Ben etwas näher an sich heranließ, waren Kate und Will. Alle drei hatten das Gefühl, sich aus früherer Zeit
zu kennen und fühlten eine besondere Verbindung zueinander, die keiner großen Worte bedurfte. Ben spürte, dass es Kate und Will
ehrlich mit ihm meinten. Dieses Gefühl hatte er in seinem Leben ansonsten noch nie empfunden. Nicht einmal bei seiner Mutter.
Er hatte sein bisheriges Leben lang den Eindruck, dass ihn weder jemand ernst nahm, noch jemals jemand richtig zuhörte. Aus diesem Manko
machte er eine Stärke.
Ben begann schon als kleines Kind genau zu beobachten und zuzuhören. Er lernte sehr schnell
aus den Leuten zu lesen und zu erkennen, ob sie ihm die Wahrheit sagten oder ihn anlogen. Und er lernte vor allem eines:
Wie man ein selektives Gehör effizient einsetzt. Sehr schnell begriff er, dass die Menschen viel lieber redeten, als zuzuhören.
Und manche redeten ohne Pause, ohne Luft zu holen, erzählten Geschichten, die sie nicht einmal selber glaubten. Ben schaffte es meistens
für sich selbst ein reales Bild aus diesen Personen zu erzeugen und die Essenz aus deren Geschichten zu ziehen.
Als Barkeeper war er diesem Martyrium jeden Abend ausgesetzt. Er lernte aber abzuschalten und die Leute reden zu lassen.
Nicht von ungefähr war die zweite Strophe von „Psycho Killer“ für ihn eine seiner wichtigsten Textpassagen in der ganzen Rockmusik-Geschichte.
Es war nicht sein Lieblingssong, aber seine halbe Lebenserfahrung spiegelte sich darin.
„You start a conversation, you can't even finish it
You're talking a lot, but you're not saying anything
When I have nothing to say, my lips are sealed
Say something once, why say it again?“
(Talking Heads: Psycho Killer)
…
Barb
Neben Ben war Barbara, oder Barb wie sie genannt wurde, die zweite wichtige Besetzung im SWAP. Barb konnte wie keine andere Person
gleichzeitig Bestellungen aufnehmen, Getränke zubereiten, einen Smalltalk führen und dabei noch trockenen Humor beweisen. Natürlich
war sie nicht immer so, aber schlechte Laune sah man bei Barb sehr selten, und ihr trockener und schwarzer Humor war legendär.
Im Vergleich zu Ben, der ein großer, junger Athlet war, verschwand Barb fast ein wenig hinter ihm. Sie machte ihre Zartheit
aber mit Energie und Durchsetzungskraft wett. Sie war sehr sportlich und gut trainiert. Das war nicht immer so.
Die Arbeit im SWAP machte ihr anfangs sehr zu schaffen. Sie konnte Arbeit und Vergnügen, Alkohol und effiziente Arbeit, Gast und Bedienstete nicht gut
auseinander halten. Die Arbeit setzte ihr am Anfang vor allem körperlich sehr zu. Nachdem sie aber schwanger wurde und ein wunderbares Mädchen
zur Welt gebracht hatte, stellte sie ihr Leben komplett um. Seit diesem Zeitpunkt hat sie nicht nur für ihre Tochter die Verantwortung übernommen,
sondern auch für sich selbst. Sie entsagte dem Alkohol fast komplett, begann Sport zu betreiben und sich vernünftig zu ernähren und
lernte im SWAP, wenn es sein musste, auf Distanz zu ihren „Kunden“ zu gehen. Trotzdem liebte sie ihre Arbeit und wollte sie auf keinen Fall aufgeben.
Barb und Ben waren die beiden Hauptfiguren unter der Belegschaft, und es war immer wichtig, dass einer von ihnen hinter der Theke stand.
Sehr selten passierte es, dass beide vor Ort waren. Sie konnten nämlich nicht sehr gut miteinander, zu verschieden waren ihre Typen und ihr Ego.
Aber für die weiteren Mitarbeiter stellten sie eine wichtiges Arbeitszentrum dar, auf das sich alle verlassen konnten. Barb und Ben waren ein Garant,
dass der Laden lief und dass es zu keinen Ausschreitung kam. Sie taten dies auf erdenklich unterschiedlichste Art und Weise.
Während Ben schon
allein durch seine Größe und seinen für ungute Gäste aufgesetzten bösen Blick für Ruhe sorgte, war es bei Barb ihr energisches Auftreten und
ihr Wissen um die verschworene Gemeinschaft im SWAP. Einmal pöbelte ein ziemlich betrunkener Gast alle weiteren Gäste an und wollte nach Barbs
forschem Einschreiten sich erst recht produzieren. Er stieß sie zu Boden und nahm eine dämliche männliche Siegerpose ein. Das war das Letzte,
dass er je im SWAP gemacht hatte. Alle, wirklich alle Gäste kamen auf ihn zu, packten ihn und schmissen ihn aus dem Lokal raus. Sie drohten ihm,
wenn er sich in diesem Leben noch einmal im SWAP blicken ließe, würde er das Lokal in einem sehr ungesunden Zustand verlassen.
So herrschte die meiste Zeit Ruhe.
Die Besucher des SWAP waren vor allem Stammgäste, die sich teils Abend für Abend dort trafen und versuchten,
trotz der Lautstärke über die immer gleichen Themen zu diskutieren. Es ging dabei weniger um die Inhalte,
sondern vielmehr darum, sich selbst zu versichern, dass man irgendwie auch „dazugehörte“ und Teil einer großen,
selbstgewählten Familie war. Die Eine oder der Andere kamen sich dabei wahnsinnig tiefsinnig und philosophisch vor,
wähnten sich gar im Besitz von tiefgreifenden Erkenntnissen, die den Weltenlauf beeinflussen würden,
wenn man sei nur lassen würde. Dass dabei auch die eine oder andere nicht ganz legale Substanz im Spiel war,
befeuerte diesen Prozess noch zusätzlich.
Es wäre im Nachhinein sehr interessant zu erfahren, ob jeden Abend neue Ideen und Welttheorien das Tageslicht („Nachtlicht“) erblickten,
oder ob durch den Einfluss der sinneserweiterten Substanzen der kritische Blick so weit gestört war, dass es jedesmal immer nur um dieselben Thesen ging.
Man hatte nur vergessen, was man am Vortag besprochen hatte. Belegt ist aber auf jeden Fall, dass der Perspektivwechsel im SWAP sogar
wissenschaftliche Arbeiten beeinflusste und zu deren Durchbruch verhalf. Ganz einfach, weil man hier anders dachte, sofern man noch zum Denken fähig war.
Spätestens ab 23 Uhr wurde tiefschürfenden Gesprächen jedoch ein Riegel vorgeschoben, denn dann war meistens die erste Live-Band am Start.
Bis zu diesem Zeitpunkt musste alles Wichtige dieses Tages durchbesprochen sein oder auf Morgen verschoben werden.
Der Kaiser
Eine der auffälligsten Persönlichkeiten im SWAP war der Kaiser. Schon seine üppige Gestalt und seine Gestik unterschieden
ihn von den meisten Gästen. Der Grund aber, warum er einen besonderen Eindruck hinterließ, war seine unvergleichliche Art zu erzählen.
Egal was über seine Lippen kam, es bannte seine Zuhörer. Man hatte fast den Eindruck, er könnte Dir die Zusammensetzung
eines Medikamentes vortragen, und du würdest ihm ohne Zögern zuhören. Der Haken an der ganzen Sache war hingegen,
dass der Kaiser nur erzählen konnte. Zuhören war für ihn ein Fremdwort. Sobald er mit seinen Geschichten nicht mehr
im Mittelpunkt stand, verlor er das Interesse.
Seinen Namen Kaiser bekam er, weil er allerhand abenteuerliche, zuweilen abstruse und auch schlüpfrige Geschichten
über Adel und Aristokratie, in erster Linie über den Kaiser und sein Gefolge zu berichten hatte, wie zum Beispiel das Kaiserschnitzel,
das Kaiserfleisch, den Kaiserstich, die Kaiserverschwörung, usw. Ob die Geschichten wirklich wahr waren, konnte niemand verifizieren,
aber sie waren allemal unterhaltsam.
… (wird fortgesetzt)
Ben war ausgebildeter und trainierter Barkeeper. Als solcher arbeitet er in früheren Jahren, bis es ihm zu viel wurde.
Das Mixen von Cocktails und anderen Getränken braucht Zeit, Ruhe und eine Portion Liebe. In „normalen“ Cocktailbars
geht es den Bars aber meistens nur um den Umsatz und den Gästen um den schnellen Durchsatz, kurz gesagt: viel mittelmäßige Qualität
in kurzer Zeit. Das wollte Ben aber auf keinen Fall. Leider fand er eine ihm entsprechende Bar nicht und so landetet er zufällig im SWAP.
Ihm gefiel die Philosophie der Bar, die verlässlichen Kollegen und die zumeist „ausgeglichenen“ Gäste. Er hatte das Gefühl,
dass ihm im SWAP nichts aus der Ruhe bringen konnte, außer ein paar aufmüpfige Gäste, was aber relativ selten geschah.
So entwickelte er sich zu einem festen und verlässlichen Mitarbeiter, auf den man sich hundert prozentig verlassen konnte.
Aus seiner Zeit als Cocktail-Barkeeper behielt er aber ein Getränk bei, dass er auch im SWAP servierte. Es war der Cocktail,
den er für seine Abschlussprüfung als Barkeeper kreiert hatte. Über die Jahre hinweg hatte er ihn weiter verfeinert,
und dieses Getränk ist neben der Musik auch zu einem der Markenzeichen des Lokals geworden: Der „Blinde Himmel“ (Blind Heaven).
Nur sehr wenigen Menschen verriet er, wie das Getränk zu mixen war. Unter ihnen waren Kate und Will. Obwohl man Ben bei der Arbeit zusehen konnte,
schaffte es niemand diesen speziellen Geschmack zu erschaffen. Ben bereitete nämlich ein paar der Zutaten schon vor der Öffnung des Lokals vor,
sodass man nicht wissen konnte, was er wirklich alles verwendete. Er deutete nur manchmal an, dass der „Negroni“ einer seiner Vorbilder war,
was aber schwer zu glauben ist, weil der Geschmack vollkommen anders ist. Ben dürfte sich wohl am Stil des Mixes orientiert haben.
Für seine Abschlussprüfung als Barkeeper musste er auch eine zugehörige Geschichte, die ihm bei der Erfindung des „Binden Himmels“ inspiriert hatte, schreiben.
Es rankten sich schon immer die wüstesten Theorien der Gäste um diese Geschichte. Als sie Ben diese hin und wieder erzählten, kam es zu den seltenen Momenten,
in denen Ben laut auflachten musste, weil er nicht glauben konnte, was in so manchen Gehirnen vorging.
Was sich aber Ben bei seiner Geschichte für den „Blauen Himmel“ gedacht hat, war viel realistischer und hatte zudem auch mit seiner Lebensgeschichte zu tun.
Er träumte immer von einer weiten Wiese, die ihn mit ihren duftenden Blumen wie ein romantisches Bett einhüllte. Dass Romantik das Letzte ist, das man mit Ben
in Verbindung bringen kann, verwirrt an der Geschichte ein wenig. Es ist ein Zustand, den er in seinem Leben nie erlebt, aber immer davon geträumt hatte.
Es ist ein Gefühl des Loslassens, Wohlfühlens und des Genießens, nach dem er sich insgeheim sehnte. Das Grün und die Wiese werden im Getränk durch die Minze
und den Rosmarin symbolisiert. Daneben bildet Blau die Hauptfarbe, was wiederum den über der Wiese schwebenden Himmel darstellen soll.
Den Cocktail kreierte Ben so, dass das Blau im oberen Bereich des Glases sehr hell bis weißlich war und bis zum unteren Ende in ein tiefes Azurblau überging.
Wie Ben das schaffte, verriet er keinem. Für ihn symbolisierte diese Abstufung der Farben das Schweben zwischen Himmel und Erde, wobei man bald nicht mehr merken sollte,
wo der Übergang ist. Wenn man sich durch den leichten schwebenden Beginn durchgetrunken hatte, wurde es immer intensiver und stärker,
und auch der Alkoholanteil wurde immer intensiver. Wichtig war es, dass man immer ohne Strohhalm trank, damit die abgestufte Wirkung vollkommen zur Geltung kommen konnte.
Der „Blaue Himmel “ wurde damit immer stärker und man verband sich mit ihm langsam mit jedem Schluck, bis das letzte Blau das Glas verließ.
Ben wollte dem Getränk mit seiner Mischung eine derartige Intensität verleihen, dass man am Ende die Augen schließen konnte und so blind ein Gefühl
des Schwebens und der vollkommenen Vereinigung mit sich und dem Himmel erfahren sollte. Man ergab sich dem Himmel mit allen Sinnen,
versank in ihm und wurde eins mit ihm.
Bens Konzept sah auch vor, dass immer nur ein Glas getrunken werden sollte und dies mit aller Sorgfalt und vollem Genuss. Nie durfte man am selben Abend
die Erfahrung wiederholen und ein zweites Glas bestellen. Auf das achtete Ben penibel. Alles andere war für ihn Alkoholvernichtung und hatte mit Genuss nichts zu tun.
Diese Beschreibung war schon etwas blumig, um es dezent auszudrücken. Deswegen verriet er sie nur Kate und Will. Es waren die Gedanken und Träume
eines kleinen, verlorenen Jungen auf der Suche nach Geborgenheit. Andererseits wusste Ben aber auch, dass eine etwas dick aufgetragene Beschreibung
seiner Cocktail-Inspiration der Abschlussprüfung sicher auch nicht schaden konnte. Und er bestand diese auch bravourös.
Für Kate und Ben war diese Geschichte so inspirierend, dass sie daraus einen Song machten, vielleicht einen ihrer besten. Leider gibt es dazu (noch)
keine Aufnahmen und Aufzeichnungen.
... demnächst wird weiter erzählt ...